Ballungsgebiet


Ballungsgebiet

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Bạl|lungs|ge|biet 〈n. 11Landschaft mit überdurchschnittl. Bevölkerungsdichte u. sehr viel Industrie; Sy Ballungsraum, Ballungszentrum

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Bạl|lungs|ge|biet, das:
Gebiet, in dem viele Menschen wohnen u. in dem viele Industrien angesiedelt sind:
das B. an der Ruhr.

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Ballungsgebiet,
 
die Konzentration von Bevölkerung und Arbeitsplätzen auf engem Raum, auch als Agglomeration oder Verdichtungsraum bezeichnet.
 
Ballungsgebiete kennzeichnen die Raum- und Siedlungsstruktur nicht nur der meisten Industrieländer, sondern zunehmend auch der Entwicklungsländer. Der Ballungsproze setzte mit beginnender Industrialisierung im 19. Jahrhundert ein, als Städte mit Standortvorteilen für Industrie und Gewerbe große Teile der ländlichen Bevölkerung anzogen. Das Städtewachstum sprengte rasch die engen verwaltungsmäßigen Stadtgrenzen, und die Ballungsgebiete wuchsen weitgehend ungeordnet in das Umland hinein.
 
Europäische Ballungsgebiete verlaufen wie ein Korridor von Mittel- und Südostengland über die Randstad Holland (Amsterdam, Utrecht, Rotterdam, Den Haag), das Rhein-Ruhr-, das Rhein-Main-Gebiet, den Rhein-Neckar-Raum und über Basel—Zürich bis zum oberitalienischen Städtedreieck Mailand—Turin—Genua. Ausläufer reichen über Hannover bis nach Berlin und in das sächsische Industriegebiet sowie über Antwerpen und Brüssel bis in das Pariser Becken. Als inselhafte Ballungsgebiete sind im Übrigen die meisten europäischen Hauptstadtregionen und Industriereviere ausgeprägt.
 
Die Nomenklatur ist uneinheitlich. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden zunächst die Begriffe »Agglomeration« und »Zusammenballung in Städten« eingeführt, später spricht man von »Ballungsgebiet« und »Ballungsraum« beziehungsweise nur von »Ballung«. Die Begriffe »Agglomeration« und »Ballung« werden weitgehend synonym gebraucht. Anstelle des vermeintlich negativ werturteilsgeladenen Begriffs »Ballung« wird im Raumordnungsgesetz (ROG) 1965 die Gebietskategorie »Verdichtungsraum« eingeführt.
 
Agglomerationen werden flächendeckend erstmals 1912 von S. Schott abgegrenzt (Bevölkerung innerhalb eines Radius von 10 km um den Mittelpunkt der Großstädte), Ballungsgebiete 1957 von Gerhard Isenberg, wenn mehr als eine halbe Million Menschen auf 500 km2 Fläche bei einer Mindestdichte von 1 000 Einwohner je km2 leben. Für Zwecke der amtlichen Raumordnung legt die Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) in ihrer Entschließung von 1968 in den alten Ländern 24 Verdichtungsräume gemeindescharf fest (kombinierter Indikator aus Einwohner-Arbeitsplatzdichte und Bevölkerungsentwicklung; Kerngemeinden hohe Dichtewerte, Randgemeinden starke Bevölkerungsdynamik; Gesamtraum mindestens 100 km2 Fläche, 150 000 Einwohner, Bevölkerungsdichte 1 000 Einwohner je km2). Eine Neuabgrenzung erfolgte 1993 nach den Kriterien Siedlungsdichte (Einwohner je km2 Siedlungsfläche) und Siedlungsfläche (Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche an der Gesamtmarkungsfläche) beziehungsweise in den neuen Ländern auch aufgrund von Gutachten. Die Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (BfLR) in Bonn definiert 1991 für die Raumordnungsberichterstattung der Bundesregierung aufgrund der siedlungsstrukturellen Situation der 543 Stadt- und Landkreise 97 Analyse-Regionen beziehungsweise drei Regionstypen. Agglomerationen sind danach Regionen mit einem Oberzentrum von mindestens 300 000 Einwohner und gliedern sich aufgrund von Dichtekriterien in Kernstädte, hochverdichtete Kreise, verdichtete Kreise und ländliche Kreise.
 
Um im weiteren Umland um die Verdichtungsräume eine stärkere planerische Beeinflussung zu gewährleisten, legte die MKRO 1977 zusätzlich so genannte »Ordnungsräume« fest. Ziel ist es, der ringförmigen Expansion der Verdichtungsräume entgegenzuwirken durch die Entwicklung von Entlastungsorten in der Tiefe der Ordnungsräume, Bündelung des Entwicklungspotenzials auf radialen Siedlungsachsen und Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Nach der Vereinigung Deutschlands ist eine Fortschreibung der Räume nicht erfolgt. Ordnungsräume sind aber weiterhin Gebietskategorie in einigen Landesentwicklungsprogrammen.
 
In den von der MKRO abgegrenzten 45 Verdichtungsräumen leben 40 Mio. Einwohner (= 50 % der Bevölkerung) auf 11 % der Fläche Deutschlands. Die großen Verdichtungsräume sind einerseits Wachstumsmotoren für die räumliche Entwicklung Deutschlands, andererseits wird ihre Funktionsfähigkeit durch sehr hohe Belastungen (Individualverkehr, Emissionen, Ver- und Entsorgungsprobleme, Wohnungsengpässe, Mangel an Bauland für Gewerbe und Wohnungen) zunehmend beeinträchtigt. Innerhalb der Kernstädte wird man künftig immer weniger die konkurrierenden Nutzungsansprüche an den Raum zum Ausgleich bringen können. Statt weiterer räumlicher Konzentration in wenigen Verdichtungsräumen zielt die Raumordnungspolitik unter dem Leitbild der dezentralen Konzentration auf Ausbau und Stärkung von Städtenetzen auch in agglomerationsfernen Räumen.
 
Der Ballungsprozess bestimmt am Ende des 20. Jahrhunderts die Siedlungsentwicklung nahezu aller Staaten der Erde und hat vereinzelt sogar zur Ausbildung ausufernder Städte und Stadtregionen mit teilweise mehreren Millionen Einwohner geführt, darunter Tokio mit über 32 Mio. Einwohner, Seoul, New York, São Paulo und Mexiko mit 15-16 Mio. Einwohner (so genannte »Megastädte«). In Europa, in den USA und in Australien ist das Bevölkerungswachstum in den Zentren der Ballungsgebiete weitgehend zum Stillstand gekommen, häufig ist die Bevölkerungsentwicklung sogar rückläufig. In den USA wird die »Metropolis« oder »Megalopolis« mit dominierender Kernstadt und einem Ring von Wohnvororten und Industriegebieten in ihrer Bedeutung zunehmend von Randstädten abgelöst. Demgegenüber hat das Wachstum der Ballungsgebiete mit allen negativen Begleiterscheinungen (u. a. Verslumung, Wohnungsprobleme, Umweltbelastungen, Verkehrsprobleme) auch die Entwicklungsländer voll erfasst.
 
 
O. Boustedt: Zum Problem der Abgrenzung v. Verdichtungsräumen (1968);
 K. Schliebe: Raumordnung u. Raumplanung in Stichworten (1985);
 
Hwb. der Raumordnung, hg. v. der Akad. für Raumforschung u. Landesplanung (1995);
 D. Bronger: Megastädte in: Geograph. Rundschau Jg. 48 (1996);
 
Agglomerationsräume in Dtl., hg. v. der Akad. für Raumforschung u. Landesplanung (1996).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Landschaftszerstörung durch Zersiedlung
 
Megastädte: Ausufernde Ballungsgebiete auf dem Vormarsch
 
Stadtentwicklung: Das neue Bild der Stadt als Superorganismus
 
Stadt: Prognosen zur qualitativen Entwicklung
 

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Bạl|lungs|ge|biet, das: Gebiet, in dem sich Menschen u. Industrien zusammendrängen: das B. an der Ruhr; Das Wohnen und Leben im B. ist für den klassischen Alleinverdiener zur Herausforderung geworden (FR 30. 12. 98, 4).

Universal-Lexikon. 2012.

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